Mit der Erweiterung im Gedenkjahr 2025 und damit vorläufigen Abschluss des städtischen Erinnerungsprojekts „Linz erinnert“ wird ein umfassendes, personalisiertes Gedenken an insgesamt 321 jüdische Opfer des Nationalsozialismus ermöglicht, davon 200 Linzer:innen, die den NS-Terror nicht überlebten.
Die Stadt Linz errichtet heuer 17 zusätzliche Messingstelen nahe den Straßenzügen mit ehemaligen Wohnadressen der Vertriebenen und Ermordeten und erweitert das Gedenkprojekt auf nun 39 Erinnerungszeichen im gesamten Stadtgebiet. Die 17 neuen Stelen würdigen 90 Opfer der Shoa sowie 37 Fluchtopfer und KZ-Überlebende.
Eine zentrale Grundlage bildet die langjährige Forschungsarbeit der Kuratorin Mag.a Verena Wagner, deren biografische Recherchen im Web-Memorial linzerinnert.at abrufbar sind und nun durch neu produzierte Sprachaufnahmen der Kurzbiographien in Kooperation mit der TNMS 3 – Technisch-Naturwissenschaftliche Mittelschule 3 Linz, der Stelzhamerschule – und dem Landestheater Linz ergänzt werden.
Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, als Schule die Patronanz für eine Stele zu übernehmen. So können Schüler:innen aktiv in die Pflege der Erinnerungszeichen und damit in die Erinnerungsarbeit der Stadt Linz eingebunden werden. Das Körnergymnasium übernimmt als erste Bildungseinrichtung die Patronanz für das Erinnerungszeichen in der Körnerstraße.
Die vom oberösterreichischen Künstler Andreas Strauß entworfenen Erinnerungszeichen wurden aus Messing gefertigt. Darauf sind die Namen und Geburtsjahre der Opfer sowie Angaben zu Deportation, Ermordung oder Flucht graviert. Direkt neben den Namen sind an der Stele mechanische, im Ausbildungszentrum der voestalpine gefertigte Türklingeln angebracht, die, wenn man sie drückt, einen leisen Klingelton erzeugen. Die Messingstelen wurden in der Metallwerkstätte Hofstätter gefertigt und sind gemeinsam mit Andreas Strauss sowie Unterstützung der Teams vom städtischen Geschäftsbereich „Stadtgrün und Straßenbetreuung“ in den letzten Tagen montiert worden.
„Mit der Erweiterung von ,Linz erinnert‘ schaffen wir ein personalisiertes Gedenken an 321 vertriebene und ermordete Linzer Jüdinnen und Juden. Mit den 17 neuen Erinnerungsstelen befinden sich nun insgesamt 39 dieser wichtigen Zeichen im Linzer Stadtraum – sichtbare Mahnmale gegen das Vergessen. Mein Dank gilt allen Beteiligten, die an der Umsetzung dieses Projekts mit so viel Engagement mitwirkten. Besonders hervorheben möchte ich die Patronanz des Körnergymnasiums, dessen Schüler:innen und Lehrkräfte einen bedeutenden Beitrag zu einer lebendigen Erinnerungsarbeit leisten. Die Stadt lädt weitere Linzer Bildungseinrichtungen ein, sich an der Betreuung eines Erinnerungszeichens zu beteiligen“, sagt Bürgermeister Dietmar Prammer.
„Ein wesentlicher Schwerpunkt der Erinnerungsarbeit liegt in der Vermittlung historischer Zusammenhänge – und das gelingt besonders gut in enger Kooperation mit unseren Linzer Kultureinrichtungen. Die aktuelle Nordico-Ausstellung ‚Sehnsucht Frieden‘ zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Erinnerungsarbeit für ein gemeinsames Verständnis unserer Vergangenheit und Zukunft ist. Ebenso wertvoll ist die Zusammenarbeit mit dem Linzer Landestheater, das gemeinsam mit Schüler:innen der Stadt Sprachaufnahmen zu den Kurzbiografien der Opfer erstellt und so eine junge Generation aktiv in die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte einbindet. Solche Projekte stärken nicht nur das kulturelle Gedächtnis unserer Stadt, sondern machen Geschichte lebendig und zugänglich für alle “, betont Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer.
„Mein besonderer Dank gilt Kuratorin Mag.a Verena Wagner, deren wissenschaftliche Recherchen und die Veröffentlichung in Kooperation mit dem Archiv der Stadt Linz dieses Projekt erst möglich gemacht haben. Bereits im Körnergymnasium begann sie ihre Forschung zum jüdischen Linz und trägt seither entscheidend dazu bei, vergessene jüdische Lebensgeschichten sichtbar zu machen. Das Projekt schlägt zudem eine wertvolle Brücke zu jüdischen Linzer Frauenpersönlichkeiten, wie etwa Edith Wilensky, die auch am Walk of Fem gewürdigt wird. Natürlich gilt mein Dank auch den Mitarbeiter:innen vom Geschäftsbereich Stadtgrün und Straßenbetreuung, die die Aufstellung der Messingstelen jedes Mal tatkräftig unterstützten“, betont Stadträtin Mag.a Eva Schobesberger.
Im Gedenkjahr 2025 erweitert die Stadt Linz mit 17 zusätzlichen Stelen das Projekt „Linz erinnert“ und ermöglicht das personalisierte Gedenken an nunmehr 321 jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Linz.
Unter den Personen, die auf den 17 neu errichteten Stelen genannt werden, finden sich 90 Holocaust-Opfer sowie 37 Fluchtopfer und KZ-Überlebende.
Der Großteil der ermordeten Opfer wurde ab 1942 zuerst ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, viele wurden in Folge nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Insgesamt überlebten von den 321 Linzer Jüdinnen und Juden 200 den Nationalsozialismus nicht.
Die Ziele der Flüchtenden befanden sich zumeist in Palästina, viele der Linzer Jüdinnen und Juden flüchteten schon 1938 dorthin, auch nach England und in die USA flohen einige.
Die Gesamtdarstellung aller 321 bekannten Opfer zeigt auf, wie umfassend die Vernichtung der jüdischen Gemeinde durch die Nationalsozialisten war: Menschen an 135 verschiedenen Adressen in Linz wohnhaft, verteilt in der ganzen Stadt, wurden vertrieben oder getötet. Von der bei ihrer Ermordung im KZ Auschwitz erst fünfjährigen Dorothea Fränkel bis zum 99-jährigen Leopold Mostny, der im KZ Theresienstadt umgebracht wurde, verschonten die NS-Machthaber keine Altersgruppe.
Das Projekt „Linz erinnert“ versucht, über die Sichtbarmachung all dieser Opfer und die Aufarbeitung ihrer Biografien ein personalisiertes Gedenken auf Augenhöhe zu ermöglichen.
Eine zentrale Säule des Projekts „Linz erinnert“ ist die Aufarbeitung und Zugänglichmachung der Biografien der Opfer. Durch die Forschungsarbeit von Mag.a Verena Wagner, die für die Kurzbiografien, die auf der Seite linzerinnert.at abrufbar sind, verantwortlich zeichnet, werden die Jüdinnen und Juden, die vor dem Nationalsozialismus in Linz lebten und flüchten mussten oder ermordet wurden, aus der Anonymität gehoben. Aufgrund fehlender Adressbücher oder Meldekarteien aus dem Jahr 1938 gestaltet sich die Forschungsarbeit äußerst schwierig. Die wissenschaftliche Datenrecherche erstreckt sich sowohl auf die Archive der Stadt Linz und des Landes Oberösterreich als auch auf Gemeindeämter und Dokumentensammlungen im In- und Ausland.
Mit der Erweiterung von „Linz erinnert“ wurde nun auch eine Erinnerungsstele beim Körnergymnasium, an der Ecke Körnerstraße und Eisenhandstraße errichtet. Auf der Stele werden Opfer, die in der Derfflingerstraße, Eisenhandstraße oder Museumstraße wohnhaft waren, benannt.
Eines dieser Opfer ist auch Edith Wilensky, eine für die Linzer Tanzkultur prägende Persönlichkeit. Wilensky führte bis zum „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland eine Tanzschule für modernen Tanz, Gesellschafts- und Volkstänze und war zeitweise auch am Brucknerkonservatorium als Repetitorin für Geige und Gesang tätig. Die Verfolgung durch die Nationalsozialisten zwang sie zur Emigration nach Großbritannien, wo sie 1976 verstarb.
Edith Wilensky wird auch am Linzer „Walk of Fem“ auf der Ernst-Koref-Promenade gewürdigt. Dort wird auch auf weitere Linzer Jüdinnen aufmerksam gemacht, etwa auf Leontine Klauber, die als erste weibliche Kandidatin bei der Wahl des jüdischen Kultusgemeindevorstands in Linz antrat, wie auch auf Marie Donner, die durch einen Kindertransport nach England gerettet werden konnte und 2018, zwei Jahre vor ihrem Tot, für einen Besuch nach Linz zurückkehrte, um ihre Geschichte zu erzählen.
Die von Mag.a Verena Wagner recherchierten und verfassten Kurzbiografien, die laufend ergänzt werden, können im Web-Memorial unter linzerinnert.at nachgelesen werden. Mit der Erweiterung des Projektes stehen nun zusätzlich Sprachaufnahmen der Biografien zum Online-Hören zur Verfügung. Die Aufnahmen wurden u.a. von Schüler:innen der TNMS 3, der Stelzhamer-Schule, in Kooperation mit dem Landestheater Linz eingesprochen.
Mag.a Wagners Recherchetätigkeit begann bereits im Jahr 2001, als sie als Lehrerin im Körnergymnasium mit Schülerinnen im Archiv der Schule die jüdische Geschichte der Schule erforschte.
Das Projekt lieferte die Grundlage der seit 2007 bestehenden und von Prof. Herbert Friedl umgesetzten Gedenktafel für jüdische Schülerinnen und Lehrer im Gymnasium.
Weiters sind im Körnergymnasium Wandvitrinen zwei Schüler:innen gewidmet, die vom NS-Regime ermordet wurden. Eine davon im Gedenken an Ottilie Chaia Töpfer, die 1920 geboren mit ihrer Familie in der Altstadt wohnte und ab 1931 die Städtischen Mädchen-Mittelschulen in der Körnerstraße besuchte. Im Sommer 1938 schaffte sie die Flucht nach Palästina. Die Stele am Alten Markt erinnert an Ottilie Töpfer sowie an ihre Schwester Edith und ihren Vater Ernst, die ebenfalls flüchteten, sowie an ihren Großvater Joseph und ihre Tante Margarethe Töpfer, die deportiert und ermordet wurden. Diese Stele wurde stellvertretend für alle anderen Erinnerungszeichen im September 2022 von Oberrabbiner Jaron Engelmayer in Anwesenheit des damaligen israelischen Botschafters sowie der Präsidentin des Israelitischen Kultusgemeinde Dr.in Charlotte Herman eingeweiht.
Die Stadt Linz baut ihre Vermittlungsarbeit rund um die Erinnerungszeichen kontinuierlich aus und setzt dabei auf enge Kooperationen mit Kultur- und Bildungseinrichtungen. Ein aktuelles Beispiel ist die Zusammenarbeit des Bereichs „Kultur und Bildung“ der Stadt Linz mit dem Linzer Landestheater im Rahmen des Stücks „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns sah“. Ab 4. Februar werden wieder Vorstellungen angeboten. Im Zuge dieser Kooperation werden weitere Schulen eingeladen, an neuen Sprachaufnahmen der Kurzbiographien mitzuwirken und damit einen aktiven Beitrag zur lebendigen Erinnerungsarbeit zu leisten.
Auch die Friedensstadt Linz stellt spezielle Workshop-Angebote für Schulklassen bereit. Diese Workshops schaffen einen pädagogischen Rahmen, um sich begleitet von Trainer:innen mit den Themen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen auseinanderzusetzen – ein wichtiger Beitrag zur Präventionsarbeit und historischen Bildung.
Ein zentraler Partner ist das Nordico Stadtmuseum Linz, das mit der aktuellen Ausstellung „Sehnsucht Frieden“ den Fokus auf Erinnerungskultur und Friedensfragen richtet. Ende Jänner finden dort die Erinnerungstage statt, darunter am 31. Januar 2026 ein Erzählcafé mit Charlotte Herman, Verena Wagner und Andreas Strauß – ein Angebot, das persönliche Zugänge zur Geschichte ermöglicht und den Dialog zwischen Generationen fördert.
Für Interessierte bietet die Stadt Linz in Zusammenarbeit mit einem staatlich geprüften Austria Guide regelmäßig geführte Rundgänge an, die auch wertvolle Einblicke in das jüdische Leben in Linz und dessen historische Kontexte geben.
Mit der Erweiterung um 17 neuen Erinnerungszeichen wurde im November auch die Broschüre „Linz erinnert“ neu herausgegeben, sie ist in der Tourist Info und im Büro der Abteilung Linz Kultur in der Pfarrgasse 7 kostenlos erhältlich.
Das Körnergymnasium übernimmt als erste Bildungseinrichtung die Patronanz für eine Stele, konkret für das Erinnerungszeichen in der Körnerstraße. Als symbolisches Zeichen wird der Schule eine Klingel überreicht. Ergänzend dazu hat der Gestalter der Erinnerungszeichen, Andreas Strauss, Werkzeug zur Wartung der Klingeln und Pflege der Stele zusammengestellt. Die Idee der Patronanz ist es, Schulen aktiv in die Pflege und Vermittlung der Erinnerungszeichen einzubinden und jungen Menschen Verantwortung für historisches Gedenken zu ermöglichen.
Auch die TNMS 3, die Stelzhamer-Schule, hat bereits angekündigt, eine Patronanz für Erinnerungszeichen in ihrer Nähe zu übernehmen. Weitere interessierte Schulen sind herzlich eingeladen, sich an der Betreuung eines Erinnerungszeichens zu beteiligen.
Im Jahr 2019 beauftragte der Gemeinderat der Stadt Linz die Direktion Kultur und Bildung sowie die Abteilung Linz Kultur mit der Realisierung und Koordination eines Erinnerungsprojekts. Ziel war es, permanente Erinnerungszeichen im öffentlichen Stadtraum zu errichten, die ein personalisiertes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aus Linz ermöglichen.
Seitens der Stadt Linz wurde dafür ein nationaler, geladener Wettbewerb ausgeschrieben, für den eine Wettbewerbsjury die Ausschreibungsunterlagen erarbeitete. Die zehnköpfige Jury hat sich für den Entwurf „Erinnern...“ mit dem Element der Klingel des Künstlers Andreas Strauss ausgesprochen.
Die ersten Stelen wurden im September 2022 im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Beisein von 70 Nachkommen aus den USA, Kanada, Israel, Argentinien, Deutschland und England durch Oberrabbiner Jaron Engelmayer eingeweiht. In den Jahren 2023 und 2025 folgte die stetige Erweiterung des Projektes auf nun 39 Stelen.
Die Erinnerungsstelen sind aus Messing gefertigt und tragen die Namen, Geburtsjahre sowie Details zur Deportation, Ermordung oder Flucht der Opfer. Sie stehen nahe den Straßen, wo diese Menschen bis zum Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 ihre letzten Wohnadressen hatten. Direkt neben den Namen sind mechanische Türklingeln angebracht, die einen leisen Klingelton erzeugen, wenn sie gedrückt werden. Die Klingel, als mehrdeutige Metapher des Erinnerns, steht im Mittelpunkt der Gestaltung. Sie weckt sowohl Assoziationen des Zuhause-Seins als auch des gewaltsamen Abholens. Das Drücken der Klingel schafft eine emotionale Verbindung zu den Vertriebenen und Ermordeten und lässt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen.
Andreas Strauss entwickelte und fertigte gemeinsam mit Lehrlingen des Ausbildungszentrums der voestalpine die Klingeln der Linzer Erinnerungsstelen. Dank dieser Zusammenarbeit erhielt die Vermittlung des Projekthintergrundes für Jugendliche eine bedeutende Rolle. Dabei war auch das ZeitgeschichteMUSEUM der voestalpine eingebunden, das den NS-Zwangsarbeiter:innen am Standort Linz der Reichswerke Hermann Göring AG Berlin gewidmet ist. 2024 wurde anlässlich des 10-jährigen Bestehens dieses Museums die Sonderausstellung „Making of Erinnerungszeichen“ präsentiert. Die voestalpine stellte zudem Stahlbrammen als Fundamente für die Stelen zur Verfügung, während die Metallwerkstätte Hofstätter die Messingstelen samt Unterkonstruktion aus Edelstahl fertigte. Für die Website linzerinnert.at und die Schriftgestaltungen auf den Stelen zeichnet das Wiener STUDIO WHY verantwortlich.
Laufend erfolgte ein enger Austausch über die Entwicklung und Umsetzungsschritte mit der Israelitischen Kultusgemeinde Linz.
Innerhalb der Stadtverwaltung waren das Archiv der Stadt Linz sowie die Abteilungen Straßenverwaltung und Verkehrsplanung in die Vorarbeiten eingebunden. Der Geschäftsbereich Stadtgrün und Straßenbetreuung des Magistrats übernahm die Aufbereitung des Untergrundes und das Versetzen der Fundamente. Die Erinnerungszeichen wurden durch Förderungen vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie vom Zukunftsfonds der Republik Österreich (ÖZF) unterstützt.
Der Aufstellungsort befindet sich freistehend in der Nähe von jenen Straßenzügen, wo diese Personen ihre letzte, frei gewählte Wohnadresse in Linz zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 hatten.
Weitere Informationen: Linz erinnert
Text- und Fotoquelle: Stadt Linz